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Weibliche Genitalverstümmelung: Fünf Fragen – Fünf Antworten

Der 6. Februar ist der internationale Tag gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Doch was hat es damit auf sich? Hat das mit Religion zu tun, oder ist es eine Tradition? Und was kann dagegen getan werden? Hier sind fünf Fragen und fünf Antworten zum Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung.

Warum Verstümmelung und nicht Beschneidung?

Bis in die 80er Jahre hinein war in weiten Kreisen tatsächlich noch von weiblicher Beschneidung die Rede. Viele Organisationen drängten aber darauf, den Begriff der Genitalbeschneidung durch Genitalverstümmelung zu ersetzen. Das Argument liegt auf der Hand: Beschneidung erinnert sehr an die männliche Praxis, bei der lediglich die Vorhaut abgetrennt wird. Bei Mädchen und Frauen wird hingegen zum Teil das gesamte äußere Genital entfernt. Der Begriff Verstümmelung entspricht viel eher dem, was in Wirklichkeit passiert. Zudem spiegelt er besser wider, dass das Menschenrecht der körperlichen Unversehrtheit verletzt wird.

Aus Rücksicht auf die Opfer sprechen wir jedoch von beschnittenen und nicht von verstümmelten Frauen.

Was passiert bei der Genitalverstümmelung?

Ganz so pauschal lässt sich das nicht sagen, denn es gibt viele unterschiedliche Formen der Genitalverstümmelung (siehe Abbildung rechts), die auch unterschiedlich durchgeführt werden können. Die schmerzhafteste und mit Abstand gefährlichste Form ist die pharaonische Genitalverstümmelung, die von traditionellen Beschneiderinnen durchgeführt werden.

Beschneidungsformen (nach WHO): A Normale Anatomie B Klitorisvorhaut und gegebenenfalls Klitoris wurden entfernt C Klitorisvorhaut und gegebenenfalls Klitoris sowie die inneren Schamlippen wurden entfernt D Klitorisvorhaut und Klitoris sowie die Schamlippen wurden entfernt und die Vaginalöffnung teilweise zugenäht. (Quelle: Wikipedia)

Beschneidungsformen (nach WHO): A Normale Anatomie B Klitorisvorhaut und gegebenenfalls Klitoris wurden entfernt C Klitorisvorhaut und gegebenenfalls Klitoris sowie die inneren Schamlippen wurden entfernt D Klitorisvorhaut und Klitoris sowie die Schamlippen wurden entfernt und die Vaginalöffnung teilweise zugenäht. (Quelle: Wikipedia)

Oft sind es noch kleine Mädchen, denen ohne jegliche Betäubung unter größten Schmerzen mit unsterilisierten Messern oder Glasscherben weitflächig der Genitalbereich abgeschnitten wird. Die Wunde wird beispielsweise mit Akaziendornen oder Pferdehaar vernäht. Übrig bleibt eine kleine Öffnung für die Körperflüssigkeiten, die beispielsweise mit einem dünnen Zweig geschaffen wird. Viele Mädchen und Frauen verbluten dabei oder sterben später beispielsweise an einem Wundstarrkrampf. Den Opfern werden etwa einen Monat lang die Beine verbunden, damit die Wunde heilt.

Allerdings gibt es auch ganz andere Formen: In Ägypten, wo 87 Prozent der Frauen beschnitten sind, werden fast die Hälfte aller Eingriffe von Ärzten vorgenommen. Die­ser „medi­zi­ni­sche“ Ein­griff redu­ziert zwar das Ster­be­ri­siko und ver­min­dert die Neben­wir­kun­gen für die Mäd­chen und Frauen – eine Men­schen­rechts­ver­let­zung bleibt diese Form der  Geni­tal­ver­stüm­me­lung aber dennoch.

Ist Genitalverstümmelung eine islamische Praxis?

Häufig heißt es, Genitalverstümmelung sei gängige Praxis im Islam. Diese Behauptung stimmt jedoch nicht. Im Koran heißt es in Sure 95,4: „Wahrlich, wir haben den Menschen in bester Form erschaffen.“ Auch in vorwiegend christlichen Ländern wie Äthiopien sind mehr als 70 Prozent und in Sierra Leone sind sogar 90% der Mädchen und Frauen beschnitten. Die Religion wird zwar oft als Grund vorgeschoben, auch von den religiösen Würdenträgern selbst, doch es ist vielmehreine traditionelle Praktik, die vor allem in Ländern Afrikas und des Mittleren Ostens durchgeführt wird. Sie gilt vielerorts als wichtiger Übergang vom Mädchen zur Frau.

Warum wird die Genitalverstümmelung dann durchgeführt?

Die weibliche Genitalverstümmelung ist Tradition, die vor allem die starke Rolle des Mannes untermauert. Da die Frau je nach Beschneidungsform wenig bis keine sexuelle Lust verspürt und häufig beim Sex starke Schmerzen hat, soll die Genitalverstümmelung sie zudem vorm Fremdgehen „schützen“.

Häufig sind aber Frauen und Mütter in einer Gesellschaft dafür verantwortlich, dass sich ihre Töchter der grausamen Praktik unterziehen müssen. Damit sich die Mäd­chen nicht weh­ren kön­nen oder sich ableh­nend ver­hal­ten und damit die Beschnei­dun­gen vor staatlicher Verfolgung geschützt sind – denn mitt­ler­weile ist weib­li­che Geni­tal­ver­stüm­me­lung in vie­len Län­dern ver­bo­ten -, wer­den sie häu­fig schon in ganz jun­gen Jah­ren beschnitten.

Was muss getan werden?

Aufklärung und Frauen stärken, Frauen stärken und nochmals Frauen stärken. Denn wenn Frauen gleichberechtigt an der Gesellschaft teilnehmen, ihr eigenes Einkommen verdienen und damit unabhängig vom Einkommen ihres Mannes werden, wird dieser Tradition eine wichtige Grundlage genommen. Frauen müssen zudem in die Lage gebracht werden, ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht wahrzunehmen.

Die Jugendlichen in den Projekten der Stiftung Weltbevölkerung klären ihre Gemeinde spielerisch über die Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung auf

Die Jugendlichen in den Projekten der Stiftung Weltbevölkerung klären ihre Gemeinde spielerisch über die Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung auf

Ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt sind die Beschneiderinnen: Sie verdienen oft viel Geld mit ihrer Tätigkeit– und brauchen alternative Einkommensmöglichkeiten.

Eine strafrechtliche Verfolgung hilft, allerdings müssen die staatlichen Gesetzgebungen auch umgesetzt werden. Zwar haben seit 1997 über 20 afrikanische Länder ein Gesetz gegen Genitalverstümmelung erlassen, doch häufig wird diese aufgrund fehlender Strafverfolgung weiterhin praktiziert.

Wichtig ist es, dass sich die lokalen Autoritäten dafür stark machen, die Genitalverstümmelung zu beenden: Dorfvorsteher, religiöse Würdenträger und auch das Gesundheitspersonal. Denn Studien zeigen, dass die Genitalverstümmelung am schnellsten beendet werden kann, wenn die Gemeinden von sich aus damit aufhören. Das kann sich auch in kulturell alternativen Zeremonien für  Mädchen und Frauen ausdrücken. Diese Veränderungen sind vor allem dann möglich, wenn die Hüter dieser Traditionen selbst dafür eintreten.

Eine große Chance bietet auch die junge Bevölkerungsstruktur der betroffenen Länder. Sie haben die Möglichkeit, die alten Strukturen aufzubrechen und sich gegen die Genitalverstümmelung zu wenden, und damit die nachfolgenden Generationen vor diesem Leid zu bewahren.

Genau dazu trägt die Stiftung Weltbevölkerung mit ihrem Ansatz bei: Die Jugendlichen sprechen in unseren Jugendklubs über die Genitalverstümmelung und machen sich für eine neue Gesellschaft stark, an der Jungen und Mädchen gleichberechtigt teilnehmen. Die Jugendlichen gehen zudem in die Gemeinden und zeigen beispielsweise in selbst gestalteten Theaterstücken vor großem Publikum auf der Straße, wie es einer jungen, beschnittenen Frau ergeht. Sie halten der Gesellschaft so den Spiegel vor und erzeugen damit Einsicht und Veränderungsbereitschaft.

Unsere Geschäftsführerin Renate Bähr, sprach auf Deutschlandradio Kultur über Entwicklungen und Fortschritte im Kampf gegen FGM. Hier lässt sich der Beitrag anhören.

 

Quellen:

http://www.unicef.org/media/media_90033.html

http://www.un.org/en/events/femalegenitalmutilationday/background.shtml

http://de.wikipedia.org/wiki/Weibliche_Genitalverst%C3%BCmmelung

Über Denny Ehrlich

Medienmacher bei der Stiftung Weltbevölkerung

Ein Kommentar

  1. Wilm Hilversum

    Eines Tages begegnete Mohammed der zum Islam konvertierten muqaṭṭiʿatu l-buẓūr (amputatrice di clitoridi, coupeuse de clitoris, cutter of clitorises), der Frauenbeschneiderin Umm ʿAṭiyya. Die Gottgehorsame befragte den Propheten nach der religiösen Rechtmäßigkeit ihrer täglichen Arbeit und Allahs Sprecher stellte fest:

    أشمِّي ولا تنهَكي
    ašimmī wa-lā tanhakī
    [Cut] slightly and do not overdo it
    [Schneide] leicht und übertreibe nicht

    Oder Mohammed verkündete den Willen des Himmels so:

    اختفضن ولا تنهكن
    iḫtafiḍna wa-lā tanhikna
    Cut [slightly] without exaggeration
    Schneide [leicht] und ohne Übertreibung

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